Warum ich nach drei Jahrzehnten in der IT immer noch an Linux glaube
In diesem Beitrag erzählt Marcel, warum ihn ausgerechnet Linux und Open Source über all die Jahre nie losgelassen haben und was das ganz praktisch für Unternehmen bedeutet.
19 May 2026

Ich war früher ein Microsoft-Evangelist. Nicht inoffiziell – offiziell. In meinen jüngeren Jahren stand ich auf Bühnen und sprach leidenschaftlich über Microsoft-Technologien, half Unternehmen bei der Migration zu Windows Server und glaubte wirklich an das Ökosystem, das ich propagierte. Die Tools funktionierten, der Business Case ergab Sinn, und die Zukunft sah klar aus.
Dann begann die Realität, die Geschichte zu verkomplizieren.
Sicherheitsprobleme, deren Behebung zu lange dauerte. Transparenzprobleme, die Compliance-Audits unnötig erschwerten. Lizenzbedingungen, die sich ohne Vorwarnung änderten. Ständig steigende Preise. Die unbequeme Erkenntnis, dass wir kritische Infrastruktur auf Systemen aufbauten, bei denen wir nicht sehen konnten, was unter der Haube passierte, Behauptungen nicht verifizieren konnten und unsere eigenen Daten nicht wirklich kontrollieren konnten.

Ich hörte Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal von Linus Torvalds, schenkte ihm aber nicht viel Aufmerksamkeit. Warum auch? Ich hatte eine florierende Karriere im Microsoft-Ökosystem. Aber je mehr meine Skepsis wuchs, desto mehr kam ich auf diesen fundamentalen Unterschied zurück: Hier war ein Betriebssystem-Kernel, den jemand entwickelt hatte und einfach... weggab. Nicht verkaufte, nicht verschloss, nicht hinter Schichten von rechtlichen Vereinbarungen versteckte. Er veröffentlichte ihn für die Welt und lud alle ein, ihn besser zu machen.
So um 2010 herum begann ich mit der Version 1.0 von Linux zu experimentieren, und ich werde das jetzt nicht romantisieren – es gab Höhen und Tiefen. Linux war weniger ausgereift, verlangte eine andere Denkweise, erforderte den Aufbau von Know-how, auf das einen die Windows-Welt nicht vorbereitet hatte. Aber allmählich verstand ich durch diese Schwierigkeiten, was mir gefehlt hatte: Kontrolle, Transparenz und echte Unabhängigkeit.
Ich bin jetzt seit Jahrzehnten in der IT. Ich habe Trends kommen und gehen sehen, Technologien aufsteigen und fallen sehen, und ich habe beobachtet, wie sich die Branche um eine Handvoll massiver amerikanischer Konzerne konsolidiert hat. Und nach all dieser Zeit – besonders nachdem ich Jahre im Dunstkreis dieser Konzerne verbracht habe – komme ich immer wieder darauf zurück, warum Linux wichtig ist.
Die unbequeme Wahrheit über Abhängigkeit
Seien wir ehrlich darüber, wo wir heute stehen. Unternehmen und Einzelpersonen sind abhängig von Google, von Microsoft, von AWS und von unzähligen anderen grossen und kleinen Softwarefirmen und Technologieanbietern. Wenn einer der grossen Corporate-Dienstleister den Stecker zieht sind Zehntausende von Firmen offline, und zwar sofort. Diese Abhängigkeit ist nicht per se falsch – diese Firmen bauen leistungsfähige Werkzeuge, die reale Probleme lösen. Einige meiner Kunden brauchen Cloud-Infrastruktur. Ich verstehe das. Die Realität moderner Unternehmen verlangt das oft.
Aber Abhängigkeit ohne Verständnis der Konsequenzen ist gefährlich.
Wenn du die Kontrolle an grosse IT-Konzerne abgibst, lagerst du nicht nur Infrastruktur oder Softwarewartung aus. Du gibst Kontrolle über deine Prozesse ab. Du riskierst, die Kontrolle über deine Daten zu verlieren. Und wenn es schwierig wird – bei einem Sicherheitsvorfall, bei geänderten Nutzungsbedingungen, bei geopolitischen Spannungen oder wenn ein Anbieter plötzlich ein Produkt einstellt, auf das du angewiesen bist – dann verlierst du die Fähigkeit, unabhängig zu handeln. Wie lange überlebt deine Firma ohne Daten, ohne Zugriffe auf Kundeninformationen, auf die History? Eben genau.

Warum Transparenz nicht nur für Nerds wichtig ist
Manche Leute tun den Open-Source-Gedanken gern als etwas ab, das nur Entwickler interessiert.
„Warum soll es mich kümmern, ob ich den Quellcode sehen kann? Ich lese ihn sowieso nicht.“
Aber Transparenz sollte nicht nur Nerds wichtig sein. Für dein Unternehmen ist sie aus mehreren Gründen relevant:
Nachvollziehbare Audit-Spuren. Wenn in einem proprietären System etwas schiefläuft, bist du darauf angewiesen, dass der Anbieter dir erklärt, was passiert ist. Bei Open-Source-Systemen können unabhängige Sicherheitsforscher Aussagen überprüfen, Schwachstellen analysieren und Korrekturen validieren.
Keine versteckten Abhängigkeiten in deiner Compliance-Kette. Regulatorische Anforderungen verlangen immer öfter, dass du genau weisst, was mit deinen Daten passiert. Wenn du nicht in die Black Box schauen kannst – wie willst du dann zertifizieren, was sie eigentlich tut?
Echte Verhandlungsmacht. Wenn du in einem proprietären Ökosystem festhängst, werden Preisverhandlungen schnell einseitig. Du hast keine Alternativen, weil ein Wechsel zu teuer wäre. Offene Systeme geben dir Optionen.
Kleinere Angriffsfläche. Proprietäre Software ist gerade wegen ihrer Verbreitung und Intransparenz ein attraktives Ziel. Open-Source-Systeme lassen sich härten, auditieren und anpassen. Du musst keinen Code betreiben, den du gar nicht brauchst, nur weil er im Paket des Herstellers enthalten ist.
Jüngste Entwicklungen sollten uns zum Nachdenken bringen
Ohne zu tief in Geopolitik einzusteigen: Die letzten Jahre haben uns daran erinnert, wie verletzlich wir bei Datenhoheit und Kontrolle sind. Exportbeschränkungen, Anforderungen an Datensouveränität, sich verschiebende internationale Beziehungen – das sind keine abstrakten politischen Debatten. Sie entscheiden ganz konkret darüber, ob du auf deine Systeme zugreifen kannst, deine Kunden bedienen kannst und ob dein Geschäftsbetrieb stabil bleibt.
Ich habe Organisationen erlebt, die plötzlich keinen Zugriff mehr auf kritische Dienste hatten, weil sich regulatorische Rahmenbedingungen geändert hatten, mit denen niemand gerechnet hatte. Ich habe Unternehmen gesehen, die in Panik geraten sind, als ein Anbieter seine Vertragsbedingungen änderte oder eine Produktlinie einstellte. Das sind keine theoretischen Risiken.
Der ehrliche Teil: Es ist nicht immer einfach
Ich tue nicht so, als wäre Linux oder Open Source eine magische Lösung ohne Nachteile. Es gibt kein Simsalabim und schnell schnell. Es gibt eine Lernkurve. Know-how muss aufgebaut werden – intern oder über Partner, die diese Systeme wirklich verstehen. In manchen Bereichen muss man Kompromisse eingehen: Bestimmte proprietäre Software läuft nicht nativ, manche Integrationen brauchen zusätzlichen Aufwand, und du kannst nicht immer einfach eine Support-Hotline anrufen.
Aber nach drei Jahrzehnten in der IT habe ich eines gelernt: Diese Herausforderungen sind oft kleiner, als sie am Anfang wirken – und die Vorteile sind grösser, als viele glauben.
Wie du dich weniger verwundbar machst
Die gute Nachricht ist: Es gibt ganz konkrete Schritte, mit denen du dich weniger abhängig und langfristig unabhängiger machen kannst. Diese Prinzipien sind nicht nur dann sinnvoll, wenn du zu Linux wechseln willst – sie sind schlicht gute IT-Hygiene:
• Dokumentiere deine Abhängigkeiten. Wisse genau, auf welche Systeme du angewiesen bist, wer sie kontrolliert und welche Alternativen es gibt.
• Vermeide Vendor Lock-in, wo immer möglich. Nutze offene Standards, halte deine Daten portabel und widerstehe proprietären Formaten.
• Baue internes Know-how auf. Auch wenn du externe Dienstleister nutzt, sollte jemand in deiner Organisation verstehen, wie eure Systeme tatsächlich funktionieren.
• Teste deine Ausstiegsstrategien. Warte nicht, bis du gezwungen bist zu migrieren. Wisse vorher, was ein Wechsel bedeuten würde.
• Fang klein an. Du musst nicht alles über Nacht ersetzen. Beginne mit weniger kritischen Systemen, sammle Erfahrung und erweitere schrittweise.
Diese Prinzipien gelten unabhängig davon, ob du Windows-Server betreibst, Cloud-Infrastruktur nutzt oder einen kompletten Linux-Stack fährst. Es geht um Kontrolle, Resilienz und die Fähigkeit zu handeln, wenn sich die Umstände ändern.
Warum ich das schreibe
In den kommenden Monaten werde ich mehr darüber teilen, was ich gelernt habe – sowohl die Erfolge als auch die harten Lektionen – aus Jahrzehnten der Arbeit mit offenen Systemen und aus Projekten, in denen Organisationen den Spagat zwischen Komfort und Kontrolle bewältigen mussten.
Es geht nicht darum, gegen Cloud oder gegen grosse Unternehmen zu sein. Es geht darum, für Unabhängigkeit, Transparenz und Widerstandsfähigkeit zu sein. Es geht darum, bewusste Entscheidungen zu treffen, statt aus Bequemlichkeit in Abhängigkeiten hineinzurutschen.
Wenn du über solche Fragen nachdenkst – für dein Unternehmen oder für deine eigene Infrastruktur – hoffe ich, dass dir diese Beiträge weiterhelfen. Und wenn du diesen Weg schon gehst, würde ich mich freuen, von deinen Erfahrungen zu hören. Denn manchmal ist Unabhängigkeit eine Lebenshaltung, und dann, in Krisensituationen ist Unabhängigkeit auch eine Überlebensfrage.
Denn nach dreissig Jahren bin ich mehr denn je überzeugt: Die Prinzipien, die mich in den 1990er Jahren für Linux begeistert haben, sind heute wichtiger als je zuvor.
Marcel ist Chief Technology Officer und Mitinhaber bei Nettrust. Dort hilft er Organisationen dabei, widerstandsfähige und unabhängige IT-Infrastrukturen aufzubauen.

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