Warum Schweizer KMU immer öfter Ziel von Cyberangriffen werden

Die unbequeme Wahrheit ist: Kleine und mittlere Unternehmen – besonders in den Hightech-Sektoren der Schweiz – fliegen nicht unter dem Radar. Sie stehen direkt im Fadenkreuz.

21 Apr 2026

Letzte Woche hatte ich ein Gespräch mit dem CEO eines mittelständischen Schweizer Industriebetriebs – innovative Produktionstechnologie, rund 80 Mitarbeitende, Kunden auf drei Kontinenten. Als ich nach ihrer Cybersecurity-Strategie fragte, sagte er etwas, das ich viel zu oft höre:

„Wir sind zu klein, um überhaupt auf dem Radar von jemandem zu sein."

Zwei Monate später hatten sie einen Ransomware-Angriff, der die Produktion fünf Tage lang lahmlegte – und sie einen wichtigen Auftrag kostete.

Die unbequeme Wahrheit ist: Kleine und mittlere Unternehmen – besonders in den Hightech-Sektoren der Schweiz – fliegen nicht unter dem Radar. Sie stehen direkt im Fadenkreuz. Und die Zahlen zeigen das ziemlich eindeutig.

Die Zahlen lügen nicht

Hier ein paar Statistiken, die jeden KMU-Chef aufmerksam machen sollten:

4 % der Schweizer KMU wurden in den letzten drei Jahren Opfer eines Cyberangriffs. Das mag wenig klingen – aber es bedeutet, dass in deinem Industrieverband oder deiner Branche statistisch gesehen jedes 25. Unternehmen bereits getroffen wurde.

5 % der Schweizer KMU wurden bereits von Cyberkriminellen erpresst, und 4 % haben aufgrund betrügerischer E-Mails versehentlich Geld überwiesen. Das ist kein theoretisches Risiko – das passiert hier, in der Schweiz, bei Firmen wie deiner.

Das Bundesamt für Cybersicherheit registrierte 2025 fast 65,000 Cybervorfälle – fast doppelt so viele wie 2023. Die Bedrohung wächst schnell.

Und dennoch: 26 % der Schweizer KMU stimmen der Aussage zu: „Wir sind zu klein, um für Hacker interessant zu sein." Jedes vierte Unternehmen wiegt sich in falscher Sicherheit.

Warum KMU? Warum gerade jetzt?

Wenn du jetzt denkst: „Aber wir sind doch viel zu klein, um interessant zu sein", dann machst du genau die Rechnung, auf die Cyberkriminelle setzen. Hier sind die Gründe, warum KMU so attraktive Ziele geworden sind:

Du hast wertvolle Daten – oft mit weniger Schutz

Schweizer KMU arbeiten häufig in hochspezialisierten Bereichen: Präzisionsfertigung, Medtech, Biotech, Spezialmaschinenbau und auch zum Beispiel Treuhänder, dort wo sensible Daten verwaltet werden. Du entwickelst proprietäre Technologien, verwaltest sensible Kundendaten oder besitzt geistiges Eigentum, an dem jahrelang gearbeitet wurde. Angreifer gehen davon aus, dass KMU weniger Sicherheitsmassnahmen haben und nicht über die gleichen Backup- und Recovery-Systeme verfügen wie grosse Konzerne.

Denk einmal darüber nach, was tatsächlich auf deinen Servern liegt: CAD-Dateien für Spezialsysteme, Rezepturen für Beschichtungen, Kundenlisten im Finanzbereich, Patientendaten im Biotech-Sektor oder Produktionsprozesse, die dir einen Wettbewerbsvorteil geben. Das ist keine wertlose Information – das ist der Kern deines Unternehmenswerts.

Für Angreifer stimmt die Kosten-Nutzen-Rechnung

Grosse Konzerne haben Security-Teams, Incident-Response-Pläne und die Ressourcen, einen Angriff auszuhalten. Sie zahlen auch deutlich seltener Lösegeld. KMU dagegen arbeiten schlank. Fünf Tage Produktionsausfall kannst du dir kaum leisten. Redundante Systeme fehlen oft. Der Druck, schnell zu zahlen und weiterzumachen, ist enorm.

KI macht Angriffe billiger und effizienter

Cyberkriminelle nutzen KI, um Angriffe zu skalieren, Phishing-Mails zu personalisieren und Aufklärung zu automatisieren. Was früher einen erfahrenen Hacker brauchte, lässt sich heute teilweise automatisieren – und damit können mehr Angreifer gleichzeitig mehr Unternehmen angreifen. Früher konnte man „faule" E-Mails schnell enttarnen – da waren Rechtschreibfehler, seltsame Formatierungen. Aber mit KI sieht das alles manierlich aus.

Du bist Teil einer Lieferkette

Selbst wenn deine Daten nicht das Hauptziel sind, kannst du ein Einstiegspunkt zu grösseren Kunden sein. Wenn du Zulieferer für Pharmaunternehmen, Automobilhersteller oder Finanzinstitute bist, wird dein Netzwerkzugang plötzlich wertvoll. Angreifer kompromittieren dich, um zu deinen grösseren Kunden zu gelangen.

Der Schweizer Kontext verschärft das Problem

Die Struktur der Schweizer Wirtschaft macht das Ganze noch brisanter. Wir haben eine aussergewöhnlich hohe Konzentration von KMU mit sehr wertvollen Technologien – genau in den Branchen, die für Angreifer besonders interessant sind:

Präzisionsfertigung: Firmen mit 50 bis 200 Mitarbeitenden, deren Patente und IP Millionen wert sind

Biotech- und Pharmazulieferer: Umgang mit sensiblen Forschungsdaten und proprietären Prozessen

Finanzdienstleistungen und Vermögensverwaltung: kleinere Banken und Berater mit Daten von vermögenden Kunden

Spezialisierte Software- und Engineering-Firmen: Nischenlösungen für kritische Industrien

Die KMU Cybersicherheit 2025 Studie zeigt: Das IT-Sicherheitsgefühl im Cyberraum nimmt ab. Während sich 2024 noch 57 % der Unternehmen sicher fühlten, sind es 2025 nur noch 52 %. Gleichzeitig steigt der Anteil derjenigen, die sich unsicher fühlen, von 7 % auf 9 %.

Noch besorgniserregender: Die Einschätzung der eigenen Cyberresilienz sinkt dramatisch. Nur noch 42 % (2024: 55 %) halten ihren Schutz im Falle eines Angriffs für ausreichend, während 17 % (2024: 14 %) sich als schlecht geschützt einstufen.

Warte nicht, bis du Teil dieser Statistik bist.

Der Mythos „Wir sind zu klein" muss verschwinden

Cyberangriffe funktionieren heute oft nicht mehr wie gezielte Speerwürfe, sondern wie Fischernetze. Angreifer scannen gleichzeitig Tausende Unternehmen nach Schwachstellen. Sie suchen ungepatchte Systeme, schwache Passwörter, Mitarbeitende, die auf Phishing-Links klicken. Wenn sie eine Lücke finden, prüfen sie nicht deinen Umsatz oder deine Mitarbeiterzahl – sie nutzen sie aus.

Der Industriebetrieb, den ich am Anfang erwähnt habe?

• Keine Backup-Strategie

• Kein Incident-Response-Plan

• Server-Software seit 18 Monaten nicht aktualisiert

Die Angreifer haben sie nicht wegen ihrer Grösse ausgewählt – sondern weil sie verwundbar waren.

Was Schweizer KMU konkret tun können

Die gute Nachricht – und es gibt tatsächlich gute Nachrichten – ist: Du brauchst kein Enterprise-Budget, um dein Risiko massiv zu reduzieren. Die Grundlagen funktionieren immer noch.

Fange bei der Sensibilisierung deiner Mitarbeitenden an

Die Sorge, dass KI Cyberbedrohungen verstärkt, ist berechtigt. Angreifer nutzen sie für Phishing, Social Engineering und Business-E-Mail-Compromise. Deine Mitarbeitenden sind gleichzeitig deine grösste Schwachstelle und deine beste Verteidigung. Regelmässige Schulungen zu Phishing, verdächtigen Links und Social Engineering sind heute Pflicht. Mach sie praxisnah, regelmässig und relevant für den Arbeitsalltag.

Laut der Studie: Nur 31 % der Schweizer KMU schulen ihre Mitarbeitenden regelmässig in Cybersicherheit. Das ist eine der grössten Lücken.

Setze überall Multi-Faktor-Authentifizierung ein

Dieser eine Schritt verhindert den Grossteil aller Angriffe über gestohlene Zugangsdaten. Ja, es ist etwas weniger bequem. Aber es ist um ein Vielfaches sicherer.

Status quo: Nur 53 % der Schweizer KMU haben 2FA/MFA implementiert. Das bedeutet, dass fast die Hälfte aller Unternehmen durch gestohlene Passwörter kompromittiert werden kann.

Halte Offline-Backups bereit

Ransomware funktioniert, weil sie deine Daten verschlüsselt und als Geisel nimmt. Wenn du saubere, regelmässig getestete Offline-Backups hast, hast du Optionen. Dann wird ein Angriff zu einem Problem – nicht zu einer existenziellen Bedrohung.

Wichtig: 61 % der KMU kontrollieren die Wiederherstellbarkeit ihrer Datensicherung. Das heisst, 39 % haben zwar Backups – wissen aber nicht, ob sie im Ernstfall funktionieren.

Halte deine Systeme aktuell

Das klingt banal, ist aber immer noch einer der häufigsten Einstiegspunkte für Angreifer. 81 % der Schweizer KMU aktualisieren ihre Software regelmässig – aber das bedeutet auch, dass fast jedes fünfte Unternehmen mit veralteten, angreifbaren Systemen arbeitet.

Wenn dir intern die Kapazität fehlt, arbeite mit einem vertrauenswürdigen IT-Partner, der das zuverlässig übernimmt.

Hab einen Incident-Response-Plan

Wisse im Voraus, wen du anrufst, welche Systeme isoliert werden müssen und wie du mit Kunden kommunizierst. Ein Plan garantiert nicht, dass du nie angegriffen wirst – aber er erhöht deine Überlebenschancen drastisch.

Die Realität: Nur 30 % der Schweizer KMU verfügen über einen Notfallplan oder ein Konzept für die Geschäftsfortführung. 70 % würden im Ernstfall improvisieren.

Cyberversicherung kann sinnvoll sein – aber verlasse dich nicht nur darauf

Versicherungen helfen bei den Kosten der Wiederherstellung. Sie retten aber nicht deinen Ruf und verhindern auch nicht den operativen Schaden. Sie sind ein Teil des Risikomanagements, kein Ersatz für gute Sicherheitspraktiken.

Es geht nicht um Angst – sondern um Realität

Ich schreibe das nicht, um Angst zu verbreiten. Ich schreibe es, weil ich immer wieder das gleiche Muster sehe: intelligente, fähige Unternehmer bauen beeindruckende Firmen in hochspezialisierten Branchen auf – und gehen davon aus, dass Cybersecurity das Problem von jemand anderem ist.

Ist es nicht.

88 % der Schweizer KMU (9 von 10 Unternehmen) sehen Cyberkriminalität als ernstzunehmendes Problem an. Dennoch verspüren nur 24 % einen sozialen Druck von Kolleginnen und Kollegen, zusätzliche IT-Schutzmassnahmen zu ergreifen.

Und am besorgniserregendsten: Bei 28 % der Schweizer KMU hat Cybersicherheit 2025 keine Priorität mehr (2024: 18 %). Bei 42 % der Unternehmen kümmert sich niemand gezielt um Cyberrisiken.

Die Frage ist nicht, ob du mit einer Cyberbedrohung konfrontiert wirst.

Die Frage ist, ob du vorbereitet bist, wenn sie kommt.

In den kommenden Monaten werde ich mehr über konkrete Bedrohungen schreiben, über praktikable Verteidigungsstrategien für Organisationen mit begrenzten Ressourcen und darüber, wie man Cybersecurity in den Geschäftsalltag integriert, ohne das Budget zu sprengen oder den Betrieb zu blockieren.

Aber fürs Erste reicht eine einfache Erkenntnis:

Hör auf zu denken: „Wir sind zu klein, um interessant zu sein."

Du bist es. Jede Firma, egal ob gross oder klein, wird ohne Schutz Teil der Nahrungskette.

Und die Daten beweisen es.

Lukas Vettiger ist Chief Operating Officer und Mitinhaber bei Nettrust. Dort hilft er Schweizer KMU dabei, robuste Cybersecurity-Strategien aufzubauen, die das Geschäft schützen, ohne Wachstum zu bremsen.

Quellen

KMU Cybersicherheit 2025

https://cyberstudie.ch/

https://www.digitalsecurityswitzerland.ch/hubfs/Summary-KMU-Cybersicherheit-2025.pdf

Die Mobiliar

https://www.mobiliar.ch/ueber-uns/medien/medienmitteilung/cybersicherheit-verliert-an-prioritaet-in-schweizer-kmu-trotz-unveraenderter-bedrohungslage

FHNW research report

https://www.fhnw.ch/en/about-fhnw/schools/business/media-newsroom/news/cybersecurity-protection-adoption-how-much-more-will-it-need-determinants-of-risk-driven-cybersecurity-adoption-in-swiss-smes

Bundesamt für Cybersicherheit (BACS)

https://www.vbs.admin.ch/de/cybersicherheit-bacs

https://www.itmagazine.ch/artikel/83774/BACS-Jahresrueckblick_Mehr_als_63000_Meldungen_im_2024.html

https://www.inside-it.ch/bacs-zahl-der-gemeldeten-cybervorfaelle-hat-sich-verdoppelt-20241107

Zusätzliche Infos und Quellen:

SwissCybersecurity.net

digitalswitzerland

Die Mobiliar Cyberstudie

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